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Von unserem Mitglied Dr. med. Jens Kohfahl erreichte uns nachstehender Bericht über die Seenotübung in der Wesermündung vom 12.10.04 unter Leitung des Havariekommandos
Das Konzept des Havariekommandos zur Verletztenversorgung auf See sieht vor, dass auf Anforderung beim Massenanfall von Verletzten Notfallteams bestehend aus 1 NA bzw. Ltd. Notarzt und 4 Rettungsassistenten auf dem Havaristen abgesetzt werden (per Hubschrauber oder Schiff). Die Notfallausrüstung ist einheitlich und wird in Rucksäcken mitgeführt. Die Standorte befinden sich z.Z. in Bremen, Cuxhaven, Hamburg, Lübeck und Stralsund. |
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Die Verletzten- und Brandbekämpfungsübung sah folgendes Szenario vor: Kollision zwischen Fahrgast- und Küstenmotorschiff mit 80 Verletzten. Eingesetzt zur Verletztenversorgung wurden fünf Notfallteams, die mit diversen Hubschraubern in halbstündigen Abständen auf dem „Havaristen“ (Seebäderschiff „Helgoland“) abgesetzt wurden. Die Theorie sieht vor, dass das ersteintreffende Team (hier aus Bremen), Kontakt mit dem Kapitän des Havaristen bzw. mit dem OSC (On-Scene-Coordinator) aufnimmt und sich über die Lage informiert. Sodann soll eine erste Triage durchgeführt (begonnen) werden und Patientenablagen (früher Verletztensammelstellen) und Behandlungsplatz organisiert werden. Die dann nachfolgenden Teams bekommen ihren Einsatzabschnitt zugewiesen, um dort die Triage der Verletzten und die Behandlung durchzuführen. Die Patienten sollen dann entsprechend ihrer Behandlungspriorität (Triagekategorien rot, gelb, grün, blau bzw. schwarz) nach Rücksprache mit dem Ltd. Notarzt und dem OSC abtransportiert werden. Um jederzeit eine Übersicht über die Anzahl der Verletzten und deren Verbleib zu haben, bedarf es einer sorgfältigen Dokumentation. Wenn man nach diesen Vorgaben verfährt, werden die am schwersten verletzten Personen vordringlich und zielgerichtet einem Krankenhaus zugewiesen. Das Schadensereignis kann dadurch zügig abgearbeitet und auf Anfrage jederzeit Auskunft gegeben werden. |
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Wie sah es nun bei der Übung aus? Das 2. Team (aus Cuxhaven) wurde nach dem Abwinschen in Empfang genommen und mit Informationen überhäuft. Über einem der Rotorenlärm, zusätzlich noch in den Gehörgang eingeführte Ohrstöpsel: eine Konversation war unmöglich. Also begaben sich die Notärzte in einen etwas lärmgeschützten Aufbau und begannen erneut das Gespräch. Das restliche Team nahm die abgewinschte Ausrüstung (Rucksäcke, Tragen) derweil in Empfang. Dadurch wurden Arzt und Sanitäter plötzlich getrennt und mussten sich anschließend erst mal wieder finden. Alleine diese „organisatorischen“ Vorbereitungen dauerten sicherlich 10 Minuten, in denen man immer wieder hin und her (bzw. an Verletzten vorbei) lief. Danach erfolgte die Übernahme eines Abschnittes mit Sortierung der Verletzten nach Priorität. Das bedeutete das Bergen von Personen und Durchführung der Triage, jedoch noch keine Behandlung. Wie viel können 5 Personen bei 25 Verletzten im ersten Augenblick auch bewirken? Die gehfähigen Leichtverletzten wurden gleich aus dem Gefahrenbereich entfernt und in eine Cafeteria ein Deck höher gebracht. Es gelang sogar, Besatzungsmitglieder zur Hilfeleistung zu finden und zu verwenden (ansonsten störten Beobachter und Presse doch ein wenig). Der allgemeine Behandlungsplatz war im Salon ebenfalls ein Deck höher eingerichtet, so dass viel körperlicher Einsatz beim Patiententransport erforderlich war und entsprechend Zeit in Anspruch nahm. Erst dort konnte dann eine medizinische Behandlung bzw. Erstversorgung durchgeführt werden. Die Dokumentation am Anfang bestand aus einer Strichliste und war allenfalls rudimentär. Auch der definitive Abtransport in einem Helikopter nahm von der Entscheidung für einen bestimmten Patienten bis zur Durchführung erhebliche Zeit in Anspruch (bis zu 30 Minuten!). Nach 2 Stunden intensiven Übens befanden sich die meisten (schwer)Verletzten immer noch an Bord. Dennoch war diese Übung (natürlich wie jede andere auch) ein Erfolg. Insofern nämlich, dass sich immer wieder Eindrücke und Erkenntnisse ergeben, die man sonst nicht hätte gewinnen können. Wie also könnte die Realität aussehen? Mit einem Wort: schrecklich. Aufgrund einer Übung können wir vielleicht ansatzweise erahnen, was man wirklich zu erwarten hätte. Die Situationen auf einem Schiff können jedoch so vielfältig sein, dass ein hohes Maß an Improvisation erforderlich sein wird. Dies lässt sich nicht alles üben. Im Ernstfall werden die Teams wohl nicht so zügig auf den Havaristen kommen, vor allem wenn sich das Schadensereignis deutlich weiter von der Küste entfernt auf See ereignet. Bei der Übung lag das Schiff relativ geschützt vor Anker, es hat sich kaum bewegt. Viele Fragen bleiben zu stellen: was wird sich an Bord bei Seegang, bei Schräglage, bei Dunkelheit mit ausgefallener Beleuchtung abspielen? Wer wird seekrank, wie viele Rettungskräfte fallen aus wegen Erschöpfung? Was ist bei Wetterlagen, die einen Flugbetrieb unmöglich machen? Wie lange dauert die Anfahrt mit Schiffen, ist ein Übersteigen überhaupt möglich bzw. machbar? Wie viel können wenige Hilfskräfte tatsächlich bewirken? Dokumentation? (man kann auch leicht das vordringliche Ziel, nämlich Verletzte zu versorgen, aus dem Auge verlieren. Bei Übungen wird Dokumentation fast zum Selbstzweck erhoben, ständig wurden Listen verglichen, vor lauter Papier hat man ja bald keine Hände mehr frei). Überlegungen zum medizinischen Vorgehen: Patienten, die innerlich bluten, gehören in die Hand des Chirurgen. Mit „Wasser“ können wir ihnen nicht helfen. Was bedeutet das hinsichtlich des Zeitfaktors, wenn Helfer vielleicht eine Stunde nach Unfallereignis an Bord kommen? Einige Schwerverletzte werden schon verstorben sein. Was entscheiden wir bei „roten“ Patienten auf See (nicht an Land!)? Wie hoch ist für sie die Chance, noch lebend auf den Op-Tisch zu gelangen? Vor allem wenn entschieden wird, dass der Helikopter primär einen Flugplatz anfliegt (damit er notfalls schnell Treibstoff bunkern kann, um sofort wieder eingesetzt werden zu können) und der Patient dann mit dem RTW über die Strasse weitertransportiert wird. Es ist zu befürchten, dass viele „rote“ Patienten auf dem Transport versterben werden, weil alles viel zu lange dauert. Muss der Notarzt an Bord vielleicht eher entscheiden, nicht ganz so schwer Verletzten die höhere Priorität einzuräumen, damit wenigstens diese überleben können? Brauchen wir zum Ketanest nicht auch sehr viel Morphium in einer derartigen Situation (was wir aber gar nicht mit uns führen)? |
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Fazit: das maritime Umfeld kann Einsatzsituationen schaffen, die mit der Landrettung nicht vergleichbar sind. Die Grenzen des medizinisch Machbaren und der eigenen Leistungsfähigkeit werden viel eher erreicht sein. Die Seltenheit der Ereignisse macht es schwierig, ausreichende Erfahrung zu sammeln, um darauf zurückgreifen zu können. Dennoch: die durch das Havariekommando geschaffenen Strukturen zur Verletztenversorgung auf See sind funktionstüchtig. Etliche Notfallteams stehen bereit, die Einbeziehung weiterer Küstenstandorte ist geplant, die Ausrüstung ist für alle gleich und sinnvoll für die Notfallbehandlung zusammengestellt. Die notwendigen Voraussetzungen zur Bewältigung eines Großschadensereignisses sind damit geschaffen. Text und Photos: Dr. med. Jens Kohfahl Facharzt für Allgemeinmedizin Betriebsmedizin/Rettungsmedizin/Sportmedizin Strichweg 78 - 27472 Cuxhaven Internet: www.dr-kohfahl.de
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